Förderkreis Gedenkstätte
und Lernort Stadthaus

Informationen zum Stadthaus
vom "Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus"

"DER UMGANG MIT DEM STADTHAUS STELLT DIE ERINNERUNGSKULTUR UNSERER STADT AUF EINE BEWÄHRUNGSPROBE. ES IST ZU HOFFEN, DASS HAMBURG DIESE PROBE BESTEHT." Prof. Joist Grolle ehemaliger Schulsenator und Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft und des Vereins für Hamburgische Geschichte an den Hamburger Senat, zit. in: Hamburger Abendblatt, 12.02.2008)

Zurzeit wird das Ensemble „Stadthöfe“ von der Quantum Immobilien AG an der Stadthausbrücke aufwändig saniert und Stück für Stück vermietet. In diesem Quartier, das bis 2013 die Stadtentwicklungsbehörde beherbergte, entstehen rund um fünf Innenhöfe hochwertige Wohnungen, Büros, Läden, Restaurants, Cafés, Bars und ein Hotel. In der Mitte der „Stadthöfe“ liegt das „Stadthaus“ genannte Gebäude Stadthausbrücke 8, in dem die Hamburger Staatspolizei (ab 1936 Geheime Staatspolizei) bis Juli 1943 ihren Sitz hatte. Hier wurden in der NS-Zeit zahllose Regimegegner brutal verhört, gefoltert und einige in den Tod getrieben.

Als die Stadt Hamburg am 12. November 2009 den Gebäudekomplex an einen privaten Investor verkaufte, verpflichtete sich dieser im Kaufvertrag, „in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Lernort mit unterschiedlichen Inhalten (Ausstellung, Seminare, Veranstaltungen, Inszenierungen, Dokumentationen) zur Nutzung des Stadthauses in den Jahren 1933 - 1943 … in geeigneten Räumen auf seine Kosten zu realisieren sowie dauerhaft den Betrieb und die öffentliche Zugänglichkeit sicher zu stellen.“ In dieser „Dokumentations- und Gedenkstätte“ soll nach den Plänen des Senat eine „Gesamtschau des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“ entstehen (Senatsdrucksache 20/12554 vom 5. August 2014).

Bereits im Februar 2017 hatte der Verein der Geschichtswerkstätten in einem Brief an den neuen Kultursenator auf die Dringlichkeit hingewiesen, ein Konzept für das Stadthaus zu entwickeln. Im April fand dann ein Treffen zwischen Vertreter*innen der Geschichtswerkstätten, der Kulturbehörde und Quantum statt, auf dem ein erster Konzeptentwurf vorgelegt wurde. Damals hieß es, dass noch keine Festlegungen getroffen werden könnten, da Quantum sich noch nicht entschieden habe. Eine Trägerschaft der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wurde von den Verantwortlichen aus Kostengründen abgelehnt, da dieses zusätzliche Personalkosten bedeutet hätte. Im Juni 2017 schrieb Frau Dr. Busse an den Verein der Geschichtswerkstätten, dass Quantum eine kommerzielle Lösung mit einer Eimsbütteler Buchhändlerin favorisiere. Damit war für die Kulturbehörde eine weitere Suche nach alternativen Lösungen offensichtlich nicht mehr nötig. Die antifaschistischen Verbände und Initiativen wurden zu keinem Zeitpunkt in Beratungs- oder Entscheidungsprozesse einbezogen. Nun wurde deutlich, dass sowohl Quantum als auch die Stadt sich aus ihrer Verantwortung stehlen und an eine Buchhändlerin delegieren, die verständlicherweise in erster Linie an ihrem wirtschaftlichen Erfolg interessiert ist, zumal ihr die Räumlichkeiten praktisch mietfrei überlassen werden. Die ursprünglich für die Gedenkstätte vorgesehene Fläche (ca. 520 qm) wird jetzt in erster Linie von der Buchhandlung und dem Café beansprucht, für die Gedenkstätte bleiben ca. 70 qm übrig, für die die Buchhändlerin in vollem Umfang ebenfalls die Verantwortung hat. In den Antworten auf mehrere kleine Senatsanfragen wurde immer wieder darauf verwiesen, dass die Firma Quantum mit der von ihr gefundenen Lösung ihren Verpflichtungen aus dem Kaufvertrag in vollem Umfang nachkomme. Sowohl für Quantum als auch für die Stadt Hamburg ist das sicherlich die billigste Lösung, denn das benötigte Personal muss offensichtlich die Buchhändlerin rekrutieren, einstellen und bezahlen.

Die Verhandlungen zwischen Quantum, Kulturbehörde und der Eimsbütteler Buchhändlerin sind inzwischen abgeschlossen und alle Verträge unterzeichnet. Bereits am 2. Mai 2018 soll die Buchhandlung "Lesesaal" eröffnen. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat alles vorhandene Material zum Komplex „Stadthaus“ an die Quantum Immobilien AG gegeben, die wiederum die Ausstellungsagentur "Missal, Gies & Partner" damit beauftragt hat, eine Ausstellung zu erstellen. Die verharmlosende Bezeichnung "Ort der Erinnerung", wie sie von Quantum und der Kulturbehörde favorisiert wird, entspricht dem bestreben, die Konsumatmosphäre der Stadthöfe möglichst wenig zu stören.

Als diese Entwicklung im Herbst 2017 absehbar war, hat sich aus dem Kreis der Hamburger Geschichtswerkstätten heraus der „Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus“ konstituiert, der zur Einrichtung eines seiner Bedeutung angemessenen Erinnerungsortes beitragen möchte. Dazu gehören die umfassende Darstellung der historischen Komplexität dieses Ortes, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und NS-Zeit bis in die Nachkriegszeit hinein und die Darstellung der gesamten Bandbreite des polizeilichen und des staatlichen Terrors an diesem Ort und über Hamburg hinaus. Dazu gehört aber auch die Gesamtschau des Widerstandes gegen den Nazi-Terror. In Zusammenarbeit mit städtischen Institutionen, wie der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und den Verfolgtenverbänden, sollte dieser Ort aber auch zu einer lebendigen Stätte der Kommunikation und des Lernens werden, in dem die Betreuung von Besuchern und Besuchergruppen aus dem In- und Ausland sowie von Schulklassen und Projektgruppen ermöglicht wird. Hierzu gehört auch die Durchführung von Veranstaltungen und Seminaren zum Themenkomplex Verfolgung und Widerstand während der Naziherrschaft. Dass dieses auf 70 qm und in direkter räumlicher Gemeinsamkeit mit einer Buchhandlung und einem Café nicht realisierbar ist, war allen Vertreter*innen von Verfolgtenverbänden und Initiativen klar, die sich auf Einladung des Förderkreises am 30. November 2017 das erste Mal trafen.

Aus diesem Kreis heraus hat sich im Januar 2018 die "Initiative Stadthaus" gebildet, als breites Bündnis von Geschichtswerkstätten, Verfolgtenverbänden, Initiativen und Einzelpersonen. Auch der Förderkreis ist ein Teil dieser Initiative. Unsere Aktivitäten haben bisher ein überraschend breites Presseecho gefunden, bis hin zum Guardian aus London und zur größten brasilianischen Tageszeitung Folha de S.Paolo. Eine Pressekonferenz am 25. Januar und eine Kundgebung vor dem Stadthaus am 30. Januar mit ca. 300 Teilnehmer*innen brachten weitere öffentliche Aufmerksamkeit. Seit Februar findet an jedem Freitag von 17:00 Uhr bis 18:00 eine Mahnwache vor dem Turmhaus der Stadthöfe statt. Sie sollen bis zu einer größeren Demonstration am 2. Mai 2018 fortgesetzt werden, dem Tag der Eröffnung der Buchhandlung.

Aufgeschreckt durch die öffentlichkeitswirksamen Aktionen und das breite Presseecho lud dann die Kulturbehörde Vertreter*innen von Verfolgtenverbänden, Initiativen und Geschichtswerkstätten zu einem ersten Treffen am 22. Februar 2018 ein, mit dem Ziel, dort einen "Beirat" zu gründen und wohl auch mit der Absicht, den Protest aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Dieser "Beirat" konstituierte sich am 28. März. Auf dieser ersten Sitzung wurde deutlich, dass am Konzept von Quantum und Kulturbehörde nicht mehr zu rütteln ist. Der "Beirat" kann nur noch Vorschläge auf der Grundlage der vorgegebenen räumlichen und konzeptionellen Gegebenheiten machen. Umso wichtiger ist es, den Protest weiterhin aufrechtzuerhalten und den öffentlichen Druck zu verstärken. Unsere Forderungen sind nach wie vor gültig:

• Die verharmlosende Bezeichnung „Geschichtsort Stadthaus“ muss in eine aussagekräftige Bezeichnung geändert werden. • Die Gedenkstätte muss im öffentlichen Raum deutlich durch eine künstlerische Installation o. ä. erkennbar sein. • Thematisch muss die Gedenkstätte die gesamte Bandbreite polizeilicher Verfolgung vom Kaiserreich bis zur Nachkriegszeit umfassen. Außerdem muss sie eine Gesamtschau des Widerstandes im Nazi-Deutschland präsentieren. • Es muss genug Raum für Veranstaltungen mit entsprechender Veranstaltungstechnik vorhanden sein. • Es darf keine Vermischung von Buchladen, Café und Gedenkstätte geben. Das jetzige Raumkonzept ist nicht akzeptabel. • Die Geschichtswerkstätten und Verfolgtenverbände müssen in die Konzepterarbeitung, Raumplanung, Veranstaltungsplanung und den dauerhaften Betrieb der Gedenkstätte einbezogen werden. • Um den dauerhaften Betrieb zu gewährleisten, müssen ausreichende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden (z. B. auch für die personelle Betreuung).